Unzeitgemäße Betrachtung. Nietzsche et cetera.

Authors

  • Arno Böhler University of Vienna

DOI:

https://doi.org/10.21476/PP.2017.32138

Keywords:

Unzeitgemäßes Denken, Nietzsche, Derrida, Philosophie, Künstlerische Forschung, Kunstbasiertes Philosophieren - Philosophy On Stage, Performance, Theaterwissenschaft

Abstract

Deutsch:

Die Lecture-Performance „Unzeitgemäße Betrachtung. Nietzsche et cetera“ wurde bei dem Forschungsfestival Philosophy On Stage#4 am Tanzquartier Wien uraufgeführt, das sich zum Ziel gesetzt hatte, neue Allianzen zwischen Philosophie und den Künsten zu erproben.

In dem folgenden Script zur Performance wird die Philosophie als ein Modus des In-der-Zeit-seins verstanden, in der sich Unzeitgemäßes zeigt, indem eine Revolte der Zeit gegen die Zeit zu Gunsten einer kommenden Zeit in Gang gebracht wird. Die Zeitlichkeit des Unzeitgemäßen, die das  philosophierende Denken begrifflich freisetzen kann, gehört weder dem Regime der Vergangenheit, noch dem der Ewigkeit an, sie ruft vielmehr Zukunft hervor.

Da die Philosophie diese Fähigkeit mit den Künsten teilt, wird kunstbasiertes Philosophieren in der Lecture-Performance als ein Feld gedacht, das Unzeitgemäßes erscheinen lässt. Wobei unter kunstbasiertem Philosophieren jene Allianz der Künste mit der Philosophie verstanden wird, in der die Philosophie künstlerische Forschungspraktiken in die Praktiken des Philosophierens mit einbezieht.

In seiner Schrift Politik der Freundschaft hat Jacques Derrida aufgezeigt, dass der Satz „Ach! Wenn ihr wu?sstet, wie es bald, so bald schon – anders kommt! …“ das aporetische Prinzip einer Demokratie der Zukunft zur Sprache bringt, in der die Zeitlichkeit des Unzeitgemäßen in Gang gebracht wird. Dabei verweist der Genitiv in der Formulierung Demokratie der Zukunft auf eine Form von Demokratie hin, die nur solange existiert, solange sie sich für ihre eigene Veränderlichkeit und Ereignishaftigkeit offen hält. Eine solche Form von Demokratie wird stets das Vorspiel einer Zukunft gewesen sein, die man vorab mit ganzem Herzen bejahen muss, um ihr Kommen zu ermöglichen; wieder und wieder.

Ein Modus der Bejahung des Werdens, der eng mit Nietzsches abgründigstem Gedanken in Verbindung steht – dem Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen, in dem die Zeit ihr Werden ewig wieder-holt, um sich als Leben einer immanenten, nicht enden wollenden Bewegung der Unendlichkeit in sich selbst unaufhörlich zu vollziehen.

English:

The following lecture performance was a part of the research festival Philosophy On Stage#4 at Tanzquartier Wien, where new relations between philosophy and the arts were tested and put into practice. 

The lecture starts with the claim that philosophical thinking necessarily performs the temporality of the untimely as a mode of being-in-time, which realises a revolt of time against its times in favour of a time to come. Being neither part of the past nor of eternity, the temporality of the untimely calls future events into being.

Insofar as philosophy shares the temporality of the untimely with the arts, the lecture-performance defines arts-based philosophy––the alliance of art and philosophy, by which philosophy has started to implement artistic practices into philosophy––as a field for the appearance of the untimely. 

As Jacques Derrida has shown in Politics of Friendship, the proposition “Alas! if only you knew how soon, how very soon, things will be – different! –”, characterises precisely the aporetic principle of a democracy of thefuture, grounded in the temporality of the untimely. The genitive ‘of’ thereby indicates a mode of democracy which does only exist as long as it keeps itself open towards its own changeability and eventfulness. Therefore it necessarily takes place as the prelude of a future one is able to affirm full heartedly in advance, that is to say, over and over again. 

A mode of being-in-time that touches the secret of Nietzsche’s most abysmal thought: the thought of the eternal return of the same, in which somebody has realized the never ending eternity loops of be-coming; a life of immanence; a recurring movement of eternity within itself.

Author Biography

Arno Böhler, University of Vienna

Arno Böhler ist Universitätsdozent am Institut für Philosophie der Universität Wien und Gründer des Performance-Philosophie Festivals Philosophy on Stage. Derzeit leitet er das Forschungsprojekt „Artist-Philosophers: Philosophy AS Arts-based-Research“ an der Universität für angewandte Kunst Wien, gefördert vom Austrian Science Fund (FWF): AR275-G21. Böhler ist Mitbegründer des Forschungszentrums für artistic research und arts-based philosophy in Indien BASE art philosophy ecology sowie Leiter des dortigen Residenzprogramms.

Forschungsaufenthalte an der Universität Bangalore, der Universität Heidelberg, der New York University und Princeton University. Einladung zu Gastprofessuren am Institut für Philosophie der Universität Wien, an der Hochschule für Künste Bremen, an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien (Max Reinhardt-Seminar) sowie an der Universität für angewandte Kunst Wien. 1997, gemeinsam mit der Schauspielerin Susanne Valerie Granzer Gründung der wiener kulturwerkstätte GRENZ-film.

References

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Böhler, Arno, und Manning, Erin. 2014. „Interview: Do we know what a body can do? #1“ In Wissen wir, was ein Körper vermag? Rhizomatische Körper in Religion, Kunst, Philosophie, herausgegeben von Arno Böhler, Susanne Valerie Granzer und Krassimira Kruschkova, 11-21. Bielefeld: transcript.

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Published

21-12-2017

How to Cite

Böhler, Arno. 2017. “ Nietzsche Et Cetera”. Performance Philosophy 3 (2):377-95. https://doi.org/10.21476/PP.2017.32138.